Leon Weber, leon@leonweber.de
22. Oktober 2009
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Da das ja gerade alle machen, sehe ich mich nun auch genötigt, meine Gedanken zur Relevanzdiskussion in der Wikipedia aufzuschreiben. Ich möchte das aber aus einer etwas anderen Perspektive tun, als viele andere: Seit 2004 war ich aktiver Mitarbeiter in der Wikipedia, und seit irgendwann auch Administrator dort. Da ich jedoch aus verschiedenen Gründen schon seit mehreren Jahren beinahe inaktiv bin und viele aktuelle Entwicklungen mehr oder weniger verpasst habe, werde ich mich nicht als Insider bezeichnen — ich behaupte dennoch, die Vorgänge in der Wikipedia gut genug zu kennen um die Dinge, über die ich schreibe, beurteilen zu können.
Die Entscheidung über die erwünschten Inhalte ist eine der wichtigsten Fragen einer jeden Enzyklopädie, und sie hat weitreichenden Einfluss auf den Charakter derselben. Diese Frage muss auf zwei Arten beantwortet werden: einerseits thematisch — dadurch unterscheidet sich ein Fachlexikon von einer Universalenzyklopädie[1] wie der Wikipedia, die Inhalte aus allen Themenbereichen sammeln möchte. Nun jedoch kann keine Enzyklopädie wirklich alles existierende Wissen sammeln — nach der Themenfrage muss also noch eine Art Hemmschwelle, eine Hürde festgelegt werden, ab der Wissen bedeutend genug für die Enzyklopädie ist. Womit wir bei der Relevanzdiskussion wären.
Die deutsche Wikipedia hat ja bekanntlich vergleichsweise hohe Relevanzkriterien. Solche Relevanzkriterien sind das Ergebnis einer Abwägung zwischen Qualität und Quantität — und genau diese Abwägung ist die Kernfrage der gesamten Relevanzdiskussion. Und meines Erachtens läuft sie schief.
Überlegen wir einmal, welche Effekte unterschiedlich hohe Festlegungen der Relevanzhürde hervorrufen. Dabei berücksichtigen wir zunächst die beiden Extrema:
Nun liegt die deutsche Wikipedia irgendwo dazwischen, deren Relevanzhürde würde ich als 'eher hoch' einordnen. Und, tada, die Qualität der deutschen Wikipedia wird in der Tat häufig als besonders hoch eingestuft, im Vergleich zu anderen Sprachausgaben, wie beispielsweise der englischen, deren Hürde viel niedriger liegt und die auch entsprechend mehr kurze Artikel hat.
Doch was ist Qualität? Beschränken wir uns bei der Frage auf den Informationsgehalt und blenden andere Faktoren wie Neutralität und Sachlichkeit der Artikel aus, da diese nicht von Relevanzkriterien berührt werden. Viele kurze Artikel sind sicherlich keine hohe Qualität. Wenn man aber die Qualität einer Universalenzyklopädie beurteilen möchte, die den Anspruch hat, das gesamte Wissen der Welt zu sammeln, warum wird dann nur die Qualität der vorhandenen Artikel beurteilt? Muss man bei der Beurteilung nicht auch fehlende Artikel berücksichtigen? Wenn wir in diese Richtung weiterdenken, heisst die Frage: Kommt ein Artikel über eine 'minderrelevante' Sache dem Ziel der Wikipedia nicht näher als kein Artikel darüber?
Das Ziel aller Wikimedia-Projekte lautet:
Imagine a world in which every single human being can freely share in the sum of all knowledge. That's our commitment.
Ziel ist also, das gesamte existierende Wissen zu sammeln. Das ist natürlich eine Utopie, ein unerreichbares Ziel, das nur näherungsweise erreicht werden kann. Doch wie kann es am ehesten erreicht werden? Durch hohe Relevanzkriterien, also durch Sicherstellen einer möglichst hohen Artikelqualität?
Nein. Denn anders als sowohl die öffentliche als auch die Wikipedia-interne Debatte häufig darstellt, ist für eine Enzyklopädie nicht der Durchschnitt der Qualität jedes einzelnen Artikels bedeutsam, sondern die Gesamtqualität. Und ja, es gibt da einen Unterschied: Wird ein schlechter Artikel gelöscht, so nimmt die durchschnittliche Artikelqualität zu — die Gesamtqualität nimmt jedoch ab. Denn um die Qualität einer Enzyklopädie zu beurteilen, muss auch negativ berücksichtigt werden, wenn Informationen fehlen. Anders gesagt: ein kurzer Artikel ist besser als keiner. Einen Artikel, der nach heutigen Relevanzkriterien irrelevant ist, zu behalten, bringt uns näher an das erklärte Ziel, denn auch diese Information gehört zum existierenden Wissen. Dabei gehe ich davon aus, dass es sich um unstrittige Informationen handelt, dass der Artikel neutral formuliert ist und auch sonst keine Probleme hat, bei denen Artikel in der Tat kontraproduktiv sein könnten. Solche Art Probleme gibt es natürlich, aber Irrelevanz zählt nicht dazu.
Wird eine Information gelöscht, die nur für wenige Leute relevant sein könnte, ist das immernoch kontraproduktiv, denn das Behalten dieser Information wird niemandem schaden. (Das Speicherplatzargument ist selbstverständlich Blödsinn.) Es gibt ja eine ganze Reihe von Artikeln, die eben nicht wegen inhaltlicher Mängel gelöscht werden, sondern einzig einzig mit dem Argument der Irrelevanz nach den Relevanzkriterien. (Was teilweise auch bizarre Auswüchse annimmt, wenn Argumente wie "Nach dem gesunden Menschenverstand ist es relevant, laut Relevanzkriterien nicht, also löschen" kommen). In der englischen Wikipedia, in der eine viel liberalere Löschpraxis herrscht, finden sich auch Artikel zu viel weniger relevanten Themen, beispielsweise zu fiktiven Personen, die in der deutschen Wikipedia nie eine Chance hätten — und es stellt sich heraus: es schadet garnicht.
Solche Löschungen stellen einen immensen Verlust für die Wikipedia dar, ich halte unsere hohen Relevanzkriterien daher für extrem kontraproduktiv. Damit wird unserem erklärten Ziel, alles Wissen der Menschheit zu sammeln, direkt entgegengearbeitet.
Ich wünsche der deutschen Wikipedia trotzdem noch viel Erfolg.